Kulturhistorisch wertvolle Kirchen im Wartburgland entdecken

Zur verstärkten kulturellen und touristischen Wahrnehmung sakraler Bauten im Wartburgland initiiert der Verein Denkmalpflege Thüringen e. V. „Kulturhistorisch wertvolle Kirchen im Wartburgland entdecken“.

Fünf Kirchen des Wartburglandes in Ifta, Scherbda, Mihla, Lauterbach und Berka am Hainich wurden in dieses Projekt einbezogen, das kulturelle Teilhabe sowie die Dokumentation und zeitgemäße Präsentation wichtiger historischer baulicher sakraler Bauzeugen verband. So wurde ein kulturell und touristisch verknüpftes Konzept umgesetzt, das gleichermaßen historische Erinnerungsorte wie auch lebendige Räume des sakralen und kulturellen Lebens in den Fokus rückt.
Im Mittelpunkt des Projektes stand eine einstündige Veranstaltung, in der die Berliner Schauspielerin Marianne Graffam kurze Texte zur Geschichte der jeweiligen Kirchen, deren Bildprogramme und der Menschen, die mit dieser Kirche in ganz besonderer Verbindung standen, liest. Die von Marianne Graffam gelesenen Texte korrespondierten mit Orgelwerken von Johann Sebastian Bach, die Gewandhausorganist Michael Schönheit für das jeweilige historische Instrument und den Kirchenraum ausgewählt hatte. Sein virtuoses Orgelspiel erfüllte die altehrwürdigen Kirchen mit beeindruckender klanglicher Vielfalt. Im Zuge ds Projektes entstanden fünf audioviduelle Kirchenführer, die nun den Kirchgemeinden und dem Tourismusmarketing zur Verfügung stehen.

 

Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

        

St. Martin Kirche in Mihla

Der beeindruckende spätgotische Flügelaltar in der Mihlaer Kirche St. Martin stammt aus einer Erfurter Werkstatt und entstand um 1490. Der Mittelschrein zeigt die Kreuzigung Christi gerahmt von vier Reliefs, Christus vor Pilatus, bei der Kreuztragung, unmittelbar vor der Kreuzigung und die Kreuzabnahme.

Die Seitenflügel bestehen aus insgesamt acht Reliefs mit Szenen aus der Passion und der Auferstehung. Die Bildwerke stellen die Grausamkeiten drastisch dar. Die Peiniger des Gottessohnes verzerren böse die Gesichter, seine Jüngerinnen und Jünger bangen um den Geliebten, trauern und erdulden dennoch demütig den Verlust.

Die Kunst der Spätgotik bemühte sich um Darstellungen, die der Natur nahekamen, ohne dass sie naturalistisch sind. Ziel war es, das Mitleid des Betrachters mit dem Leiden des gekreuzigten Christus zu erregen, denn er opferte sich aus Liebe zu den sündigen Menschen. Mitleid und Gegenliebe sollten ihn trösten und dem Seelenheil der Gläubigen dienen.

Die mittelalterliche Schaufrömmigkeit ging mit der Reformation dem Ende entgegen. Der vorreformatorische Flügelaltar in der evangelischen Kirche vermittelt uns heute einen Zugang zu den damaligen Glaubenswelten und regt zum Nachdenken über gegenwärtige Vorstellungen von der Passion Christi an.

Film zur Kirche in Mihla

Rokokokirche St. Georg in Berka

Die Rokoko-Kirche entstand 1752 als Saalbau mit Westturm. Ein Chronogramm am Südportal enthält die Jahreszahl des Baus. Im Zentrum des festlichen Raumes steht der Kanzelaltar. Über dem Schalldeckel erstrahlt das Auge Gottes. Hinter dem Altar schmückt ein grüner Baldachin die Wand, an dessen Ende Petrus und Paulus dargestellt sind. In Nischen des Kanzelaltars stehen zwei Andachtsbilder. Sie sind spätgotisch, stammen aus der Zeit um 1500 und zeigen eine Heilige Anna selbdritt und eine Pietà. Die Orgel der Firma Knauf kam 1835 in die Kirche und hat einen klassizistischen Prospekt.

Film zur Kirche in Berka

Trinitatiskirche in Ifta

Eine weite Holzdecke mit illusionistischer Malerei von 1748 zeigt Wolken, Sterne und musizierende Engel. Ein Bild der Dreifaltigkeit hebt den Chorraum hervor. Jesus schwebt neben Gottvater zwischen Wolken, über ihnen erscheint als Taube der Heilige Geist. Sonnenstrahlen unterstreichen die Dreieckskomposition.

Die Kirche ist in ihren Grundmauern spätmittelalterlich. Turm, Maßwerkfenster und Sakramentsnische im Chor erzählen noch von dieser Bauphase. 1714 erfolgte die großzügige Erweiterung durch die Verbreiterung des Kirchenschiffes. Kirchenakten dokumentieren Erhaltungsmaßnahmen in großer Zahl, mit denen die Gemeinde seit Jahrhunderten ihre prächtige Kirche für die Nachwelt bewahrt.

Film zur Kirche in Ifta

Dreifaltigkeitskirche in Scherbda

Die einstige Schlosskapelle der Familie von Wangenheim enthält im Mauerwerk noch Bauteile des 15. Jahrhunderts. Erweiterungen des Baus fanden 1571 und 1671 statt. Die Vollendung der üppigen Ausstattung und Ausmalung im Stil des Spätbarocks und des Rokokos fiel ins Jahr 1761. Die Emporen zeigen Evangelisten, Apostel und Propheten. Ein Bild der Auferstehung Christi ziert das Deckengewölbe. Begleitbilder stellen Johannes auf Patmos und Matthäus dar.

Wer die Kirche aufmerksam betrachtet, entdeckt viele Engel. Sie schauen von den Emporen, der Kanzel und aus Wolken, halten Kerzen auf dem Altar und den Baldachin über der Orgel. Einer begleitet den Evangelisten Matthäus, ein anderer redet im Auftrag Gottes mit Mose am brennenden Dornenbusch. In Jacobs Traum steigen sie auf der Himmelsleiter auf und ab. Im Garten Gethsemane tritt ein Engel tröstend an Jesu Seite. Sie erscheinen als Gesichter mit und ohne Flügel, als nackte Putti und als gewandete androgyne Wesen.

Film zur Kirche in Scherbda

St. Nikolaus Kirche in Lauterbach

Das thüringische Lauterbach liegt im Lautertal angrenzend an die Ortschaften Mihla und Bischofroda. Um 1155 erfolgte die erste urkundliche Nennung des Ortes. Der Grundstein für die Lauterbacher Kirche wurde 1700 an der Stelle einer abgebrochenen vorreformatorischen Kirche gelegt. Bereits 1701 konnte der Bau einer schlichten Saalkirche mit längsrechteckigen Fenstern und Türen und einem Dachreiter im Westen vollendet werden.

Film zur Kirche in Lauterbach

 

Die Mitwirkenden

 

Moderation

Marianne Graffam wuchs als Pastorentochter in Norddeutschland auf, wo sie schon als Kindergarten- und Schulkind durchgängig Theater gespielt und Gesangsunterricht bekommen hat. Mit 17 hat sie sich in ihren englischen Austauschlehrer verliebt und folgte ihm nach London. Hier erhielt sie ein Stipendium für ihre Mastersstudien als Schauspielerin an der renommierten The Central School of Speech and Drama. Hiernach folgten Engagements an diversen Offtheater-Bühnen Londons, bevor sie ihre ersten großen Sprecherjobs als LEGOLAND-Stimme und für die BBC Open University landete. Mit 26 Jahren ging Marianne Graffam nach Berlin, wurde Station Voice für Nickelodeon Germany und wurde in diversen Musical- und Theaterproduktionen auf Englisch und Deutsch besetzt. Hervorzuheben ist ihre Kinorollen als Pierce Brosnans Sekretärin Lucy in Roman Polanskis Der Ghostwriter und als vermeintliche Hexe in Christopher Smiths Mittelalter-Thriller Black Death, wo Eddie Redmayne leider vergebens versucht, sie vor Sean Bean zu retten. Marianne Graffam spielt besonders gern sonderbare Charaktere mit einem komödiantischen Touch. Ihr bilinguales Sprecherportfolio ist mittlerweile über ihre kühnsten Vorstellungen hinaus gewachsen. Dies verdankt sie besonders ihrem außergewöhnlichen Vom-Blatt-Lesen und ihrem intuitiven Zugang zu Rollen

 

Orgel

Michael Schönheit, geboren in Saalfeld, erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei seinem Vater Walter Schönheit und war Mitglied der Thüringer Sängerknaben. Von 1978 - 1985 studierte er Dirigieren, Klavier und Orgel an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“. 1984 wurde er Preisträger des Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs in Leipzig.

Von 1985 bis 1991 war er als Organist und Kantor in Saalfeld tätig. 1986 wurde er zum Gewandhausorganisten berufen. Hier umfasst sein Wirkungsbereich die Gestaltung der Gewandhausorgelkonzerte, die Mitwirkung in den Gewandhauskammermusiken sowie Auftritte als Solist mit dem Gewandhausorchester. Die Gewandhaus-Orgelsaison 2009/2010 stand ganz im Zeichen des 325. Geburtstages von Johann Sebastian Bach, die Saison 2010/11 war dem 200. Geburtstag von Franz Liszt gewidmet. Unter der Leitung von Riccardo Chailly kam es in den letzten Jahren zu einer Reihe von Ur- und Erstaufführungen von Konzerten für Orgel und Orchester.